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Du machst die Tür auf und denkst: „Scheiße hat das Auto lang in der Sonne gestanden! Unglaublich, was für eine Bullenhitze entstehen kann, wenn man nur alle Türen und Fenster zumacht und Sonne auf die Karre scheinen lässt!“ Und dann wird dir klar, dass du nicht aus dem Park kommend ins Auto steigst, sondern im Auto sitzt und die Tür zum Park aufmachst.

Man liest nur mit dem Herzen gut

Saint-Ex revisited: Der kleine Prinz als Hörbuch

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Es wird gestritten über die Daseinsberechtigung von Hörbüchern und Hörspielen. Die Gegner sagen, sie seien Verrat an der inneren Stimme, die beim Lesen im Kopf hörbar würde und zum Lesen seien Bücher ja gemacht, nicht zum Vorlesen. Die Hörbuch-Fans verweisen auf die Tradition des Vorlesens – wenn zum Beispiel die Mütter vor dem Einschlafen Märchen vorlasen.

Franzosen stehen dem dramatisierten Buch besonders kritisch gegenüber, es gibt dort keine Tradition, die mit der deutschen Verehrung der Genres vergleichbar wäre. Und doch kann man Franzosen letztlich gut erklären, was, etwa für Deutsche, die Faszination von Hörbüchern ausmacht. In Frankreich lernt man im Rahmen der Musikerziehung nämlich das Notenlesen, und zwar  so, wie man hierzulande ein Buch liest: sobald ein Franzose (der den Musikunterricht nicht geschwänzt hat)  Noten sieht, hört er die Musik im Kopf; viele Franzosen können Musik vom Blatt vorsingen, ohne sie je vorher gehört zu haben. Dies vorausgesetzt sind sie dennoch keine Gegner der konzertanten Musik: niemand in Frankreich besteht darauf, dass Musik gelesen und nicht gespielt gehöre. Wenn man diese Parallele einmal etabliert hat, wird es nachvollziehbar, warum man in Deutschland ein und dasselbe Buch, sogar von verschiedenen Schauspielern gelesen, schätzen kann – so wie der Jazz-Standard „My Funny Valentine“ von verschiedenen Musikern interpretiert, immer „My Funny Valentine“ bleibt und auch immer wieder neu inspiriert, wenn es aufs Neue den Weg vom Notenblatt in den Kopf oder ins Instrument und auf Tonträger nimmt.

Jetzt habe ich zweimal den kleinen Prinzen gehört, das heißt einmal bis zur Schlange, gelesen von Ulrich Mühe, und dann nochmal die Schlange und den Rest, gelesen von Will Quadflieg.

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Stanislaw Brosowski

Ich hatte die Hörbuch-Version von Uli Mühe gesucht, weil ich mir sicher war, er würde das ganz großsartig machen und er macht es ganz großartig; er erliegt nicht eine Sekunde der Gefahr, die Poesie nicht zu begreifen und alles mit pathetischem Zuckerguss zu überziehen. Mühe liest, wie man Poetisches lesen muss, damit es nicht peinlich wird: „Ohne Schmalz“, so wie auch James Horner den Soundtrck für „Titanic“ komponierte. Nur so wird die Paradefalle deutscher Schauspieler umgangen, nur so wird poetisch und naiv nicht dumm und infantil. So wie mein Theaterlehrer Stanislaw Brosowski sagte: „Du darfst auf der Bühne nicht weinen, wenn es traurig ist. Wenn Du auf der Bühne weinst, hat das Publikum nichts zu tun. Da musst Deine Geschichte erzählen und das Publikum muss weinen. Dann ist es gut.“

Leider hörte die Version von Mühe auf der Hälfte auf und da es so lang her war, dass ich das Büchlein las, hatte ich viel vergessen und fand mich, amüsant, in einer echten Cliffhanger-Situation wieder.

X3468_01Ich suchte also die Version von Will Quadflieg. Der Theater-Hüne hatte das Büchlein 1959 für die Deutsche Grammophon eingelesen und damit, wie ich erfuhr, sogar, quasi im Nebenher, das Genre des Hörbuchs erfunden. Ich hatte bisher Angst gehabt vor seiner Version, hatte befürchtet, einen Theaterpolterer, Typ Heinrich George, zu hören. Eine massige Stimme mit erhobenem Zeigefinger. Ich hatte komplett danebengelegen. Quadflieg ist filigran, nuancenreich, jugendlich. Wie Mühe. Zwar rolllt er noch das „r“ an und liest nicht im Buch sondern „im Buche“, aber, hey, es war 1959! Ansonsten holt sogar ein paar Nuancen noch weiter aus dem Innen als Mühe. Während der seine Schlange jedes „s“ zischen lässt, denkt Quadflieg das Zischen nur, hörbar ist es dennoch, unhörbar hörbar wie Flageolett-Töne, diese kristallenen filigranen Obertöne, die man auf der Gitarre erzielt, wenn man die Saiten vor dem Zupfen mit der Griffhand in der gewünschten Tonhöhe nur antippt.

Danke, ihr beiden. Danke für den kleinen Prinzen in zwei großartigen, zeitlosen Versionen, ohne Geräusche, Soundeffekte und Neuübersetzung. Wunderbar interpretiert, wie verschiedene Jazzmusiker die Jazzstandards jeweils anders interpretieren und obwohl es andere Interpreten sind, bleibt es zweimal „My Funny Valentine“. Zweimal anders, zweimal gleich.

Der Text von Antoine de Saint-Exupéry ist jetzt rechtefrei und jeder kann ihn einlesen und das wird auch passieren, denn der Text ist so stark, dass er auch schwache Interpreten stützt und ihnen zum Nimbus des Kulturmenschen und etwas schnellem Geld verhelfen wird.

Ich empfehle um so mehr allen, auch denen die das französische Original lesen können, und die die Hörspiel-Versionen von Gérard Philipe oder die Hörbuch-Version von Jean-Louis Trintignant hören können, die deutschen Versionen von Will Quadflieg und Ulrich Mühe.

Als Orientierung. Für die, die das Banale nicht mit dem Einfachen verwechseln möchten.

PS: Ich habe, nur deswegen hatte ich den Mühe nur halb, die Hörbücher auf YouTube gehört, weil ich sie spontan hören wollte und jeder Vetriebsweg zu lange gedauert hätte. Ich ermutige WIRKLICH alle, die Werke auf Tonträgern zu erwerben. Kunst ohne Brot überlebt nicht und die Guten nicht zu bezahlen spielt der Mittelmäßigkeit zu.

Immer wieder erstaunlich, wie viele Zechpreller, Kinderschläger und Trolle hierzulande in Jurys sitzen und / oder sich in den großen Medien sowie in Blogs und Social Media als jetsettende Gutmenschen aufführen.